
Das beherrschende Thema im Wirken des Ingenieurwissenschaftlers Georg Schlesingers war die wissenschaftliche Durchdringung und Gestaltung des industriellen Fabrikbetriebs. Durch systematische Untersuchung der Wechselwirkung von Fertigungstechnik, Organisation und menschlicher Arbeit wurde er zum Begründer einer neuen ingenieurwissenschaftlichen Disziplin, der Betriebswissenschaft, aus der die moderne Produktionswissenschaft hervorging. Prägenden Einfluß auf seinen wissenschaftlichen Werdegang übte die Werkzeugmaschinenfabrik Ludwig Loewe & Co. AG aus, bei der Schlesinger von 1897 bis 1904 zunächst als Konstrukteur, später als Konstruktionschef tätig war. 1904 wurde er auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen, Fabrikanlagen und Fabrikbetriebe an der Technischen Hochschule Berlin berufen. 1906 begann er mit dem Aufbau des ersten Versuchsfelds für Werkzeugmaschinen. Lehrstuhl und Versuchsfeld entwickelten sich in den zwanziger Jahren zu einem weit über die nationalen Grenzen hinaus anerkannten Zentrum betriebswissenschaftlicher Forschung und Lehre.
Die Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler nach 1933
Schlesingers Wirken an der Technischen Hochschule wurde nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ein jähes Ende bereitet. Im März 1933 begann seine Verfolgung als jüdischer Hochschullehrer. Von April bis November 1933 wurde er in Untersuchungshaft genommen und im September offiziell vom Staatsdienst suspendiert. Trotz gerichtlicher Rehabilitierung und Haftentlassung blieb ihm eine Wiederaufnahme seiner Tätigkeit an der Technischen Hochschule verwehrt. So sah sich Georg Schlesinger Anfang 1934 gezwungen, Deutschland zu verlassen. Nach kurzer Gastlehrertätigkeit an der E.T H. Zürich ging er im November 1934 an die Université Libre in Brüssel. Im Januar 1939 emigrierte er nach Großbritannien und übernahm bis 1944 die Leitung eines Forschungslaboratoriums für Fertigungstechnik.
Quelle:
Archiv der TU-Berlin
Produktionstechnik und Maschinenbau bilden Kernbereiche der Ingenieurwissenschaften mit großen Zukunftschancen und einer hundertjährigen universitären Tradition in Berlin. Anfang des Jahrhunderts löste sich das damals neue Gebiet der wissenschaftlichen Forschung über Produkte und Prozesse in Werkstätten und Fabriken aus dem klassischen wissenschaftlichen Umfeld von Ökonomie und mechanischer Technologie. Mit der Berufung Georg Schlesingers im Jahre 1904 auf einen Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe der damaligen Technischen Hochschule Charlottenburg in Berlin wurden Forschung und Lehre der Fertigungstechnik und Betriebswissenschaft erstmals in Deutschland universitär verankert. Die Produktionstechnik trat als integrative Disziplin der Rationalisierung von Prozessen in den Kreis der Ingenieurwissenschaften ein.
Die ingenieurwissenschaftlichen Wurzeln des Maschinenbaus in Berlin sind mit den Namen Reuleaux und Riedler verbunden. Hatte der 1896 vom Lehramt zurückgetretene Reuleaux noch versucht, die gesamte Maschinentechnik theoretisch konsistent zu beschreiben, so widmete sich der 1888 an die damalige TH Charlottenburg berufene Riedler der wissenschaftlichen Entfaltung des Maschinenbaus im vielfältigen Erfahrungsaustausch mit der industriellen Anwendung. Es wurde nicht mehr nur analysiert und berechnet, sondern auch konstruiert, realisiert und erprobt. An der TH Charlottenburg richtete man Laboratorien und Versuchsfelder ein. Man berief konstruktive Ingenieurwissenschaftler mit produkttechnischer Ausrichtung. So forschten Schlesinger und seine Mitarbeiter am Konstruktionsobjekt Werkzeugmaschine als einem Produkt, Fertigungsprozesse methodisch-systematisch auszuführen.
Zugleich leistete Schlesinger mit Beratung und Weiterbildung für Betriebsorganisation erste frühe Beiträge zum Technologiemanagement fabrikbetrieblicher Prozessketten. Schlesinger begann im ersten Weltkrieg Bein- und Armprothesen zu entwickeln und zu prüfen und erwies sich damit als Pionier der biomedizinischen Technik. Schließlich war das 1925 für die wissenschaftliche Untersuchung der menschlichen Arbeit im industriellen Fertigungsprozess gegründete Institut für Industrielle Psychotechnik ein früher Vorläufer der heutigen Arbeitswissenschaft und Psychologie.
Die politische Gleichschaltung der damaligen TH Charlottenburg im nationalsozialistischen Deutschland führte 1933 zur Entlassung und Verhaftung des jüdischen Hochschullehrers Schlesinger, der 1934 emigrieren konnte. Die TH Charlottenburg und mit ihr die Bereiche Produktionstechnik und Maschinenbau richteten sich nationalsozialistisch und kriegswirtschaftlich aus und wurden bis Kriegsende 1945 weitgehend zerstört.
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